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Hallo ihr alle...

...nachdem ich ein Jahr Honduras genossen habe, wollte ich euch gerne ein bisschen ein meinem unvergesslichen Chaosjahr teilhaben lassen... es war alles mehr oder weniger wie: Karibikstrand und rote Bohnen.

Am 1. August 2002 ging mein großes Abenteuer los. Ein Jahr als Austauschschülerin nach Honduras und das nach 10 Stunden Spanisch- Crashkurs. Nach 24 Stunden Flug und etlichen Verzögerungen landeten die insgesamt 16 Deutschen dann in Toncontin. Dem Flughafen der honduranischen Hauptstadt, Tegucigalpa. Dem gefährlichsten Lateinamerika. Nach der ersten Woche in dem großstädtischen Chaos ging es dann zu den eigentlichen Gastfamilien. Das hieß für mich die nächste große Veränderung. Meine Stadt, Juticalpa, verpasste mir den ersten Kulturschock; Sandstrassen, sehr dörfliches Flair, 40°C im Schatten, verdammt viel Armut und nur noch Spanisch. Aber was hatte ich erwartet? Honduras ist Entwicklungsland und hat noch heute an den Folgeschäden des Hurrikan Mitch von `98 zu leiden. Meine siebenköpfige Gastfamilie führte mich dann erstmals durch ihr kleines Reich, eine Vierzimmerwohnung mit allem erdenklichen Viehzeug, was meiner Meinung nach, bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, nichts im Haus zu suchen hatte. Ich teilte mir eines der Zimmer, vier Schubladen und zehn Kleiderbügel mit meiner zweitältesten Gastschwester, dem Hund, Geckos, Ameisen und einer Menge kontaktfreudiger Kakerlaken. Ich wollte auch gar nicht wissen, wer oder was die nächtlichen Geräusche um mich herum machte oder die Köddel auf dem Fußboden hinterließ. Alles war auf einmal so neu und anders und trotzdem hatte man mich wie eine Tochter aufgenommen.

Doch die ersten drei Wochen liefen trotz der allgemeinen Herzlichkeit nicht allzu rosig ab. Wir verständigten uns mit Händen und Füssen, da mein nicht mal brüchiges Spanisch nur vom Vorstellen bis zur Wegbeschreibung zur eventuell vorhandenen Toilette reichte und trotz des Schulenglischunterrichtes kaum jemand mehr als das internationale "Ich liebe dich" herausbekam. Und dann all die neuen Eindrücke, gerade im Familienleben und beim Essen, erschlugen mich förmlich. Tagtäglich wurde ich von den landestypischen "frijoles" von meinem Teller aus angegrinst. Roter, gemust-gekochter Kidneybohnenpamps, der nicht im Geringsten gesund, bzw. essbar aussah. (Und niemand konnte mir verständlich machen, was man mir eigentlich vorgesetzt hatte) Je mehr Spanisch ich konnte, desto einfacher fielen mir die Anpassung und das Verständnis gegenüber dem Verhalten der Honduraner und alles war nur noch halb so anstrengend. Aber auch nun war alles noch unglaublich anders. Nicht nur, dass man von allem und jedem auf der Strasse angesprochen wurde, oder die erschlagende Hitze, die ruhige, ausgeglichene Lebensart, das Essen, die Häuser und die Menschen selbst, sondern auch die Tatsache, eine Schuluniform tragen zu müssen, am Schultor kontrolliert zu werden, Unterricht am Nachmittag zu haben und und und.

Jeder hatte seinen eigenen kleinen Stuhl, einen Stift und einen Block und wer keine Lust oder kein Geld hatte um sich eines der Schulbücher zu kaufen, hoffte darauf, dass wenigstens der Lehrer eines besorgt hatte. Es wurde viel auf Teamarbeit gesetzt, so dass man sich meist morgens traf um aufwendige Plakate zu nationalen Themen zu entwerfen, die vorgeschriebene Sozialarbeit vorzubereiten oder zu kochen, um das erwirtschaftete Geld für den Abschluss nutzen zu können.

All diese außerschulischen Aktivitäten gingen in die Noten mit ein. Das Jahr wird in vier voneinander unabhängig gewertete Teile geteilt, wobei der letzte  versetzungsrelevant ist. Üblich ist oftmals, dass alle zwei Wochen der gelernte Stoff in Arbeiten überprüft wird und am Ende jedes Abschnittes ein Examen geschrieben wird. Hat man zum Schluss weniger als 60% der Gesamtnote, hat man die Möglichkeit sich erneut überprüfen zu lassen ohne das Jahr wiederholen zu müssen.

Nach elf Jahren Schulausbildung hat jeder das Recht auf die Uni zu gehen, jeder, der bezahlen kann. So besteht selbst mit einem Viererdurchschnitt noch die Chance Medizin zu studieren, solange die Eltern die hohen Monatsraten aufbringen können. Auch der starke Nationalstolz war Neuland für mich. Wer singt denn montagmorgens in Deutschland die Nationalhymne bevor er in den Unterricht gehen darf? Niemals hätte ich gedacht mal mit einem Präsidenten essen zu gehen und Deutschland im honduranischen Nationalkongress repräsentieren zu müssen. Außerdem hatte ich niemals daran gedacht, dass Menschen dreimal die Woche mit mir in die Kirche wollten oder, dass Menschen so arm sein könnten. Nachdem ich die Mayaruinen nahe der guatemaltekischen Grenze gesehen und bewundert hatte, mussten wir uns am Tag des Kindes mit viel weniger Glanz auf einiger erschütternde Bilder einstellen. Wir waren bei den Ärmsten der Ärmsten gelandet um ihnen einen schönen Tag zu bescheren. Viele hatten weder Essen noch Kleidung. Zu diesem Zeitpunkt war ich der Meinung es ginge nicht mehr ärmer, bis wir kurz vor Jahresende einige Bergdörfer besuchten. Kinder, die in Müll spielen, seit Wochen kein Waschwasser hatten und mit Luftbäuchen wegen Nahrungsmangel vor sich hin hausten. Kinderarbeit wurde zur Alltäglichkeit. Und obwohl es an allen Ecken mangelt, trifft man auf eine unglaublich erfrischende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ich bis heute nicht erklären kann, da man sie in dieser Form im reichen Europa wohl kaum findet. Es gab so viel Neues zu sehen und zu lernen, so dass meine Zeit wie im Flug verging.

Und schon stand Weihnachten vor der Bambustür. Ohne Schnee, ohne Kekse und Glühwein, aber mit Plastiktanne, mitternächtlichem Familienessen und statt "Oh Tannenbaum" die ganze Nacht Salsa und Bob Marley. Von Geschenken war nach dem teuren Baum nie die Rede gewesen, aber wer vermisste die schon bei der Stimmung? Und um Mitternacht gingen genau wie bei uns an

Sylvester aus jedem Garten Raketen in die Luft. So gut es mir auch gefallen hat, komisch war es doch, "Weihnachten" in kurzem Kleid und unter Palmen in brütender Karibikhitze zu feiern. Kurz vor Sylvester hatte ich Geburtstag. Typisch ist eine Pappmaschefigur voller Bonbons für die Kleineren, die Pinata. Stattdessen wurde ich nach dem Aufstehen samt Klamotten unter den Gartenschlauch gestellt und nach dem Einweichen mit Mehl und Eiern paniert. Und obwohl, oder gerade weil ich fast alles verschluckt habe, bleibt es wohl eine meiner außergewöhnlichsten Erinnerungen an dieses Jahr. Nach einem spanischen Happy Birthday am Abend wurde ich, wie für das Geburtstagskind üblich, mit dem Gesicht in eine super süße Eischneetorte getunkt. Insgesamt war es wohl einer der besten und klebrigsten Geburtstage, die ich je hatte.

Doch mein Jahr ging genial weiter.

Im Januar lernte ich auf einer der drei honduranischen Nordinseln tauchen und schipperte im, nach Australien, schönsten Korallenriff der Welt mit tausenden Fischen in den tollsten Farben um die Wette. Und auch der Karneval in der Touristikhauptstadt La Ceiba, im Norden, zeigte mir wieder überdeutlich in welches farbenfrohe Paradies ich geschlittert war. Wiedereinmal ein Punkt auf der Liste der unvergesslichen Dinge dieses Jahres, da ich sogar mitreiten konnte. Je mehr schöne Dinge ich erlebte umso weniger Zeit blieb mir und so nutzte ich die letzte Chance um die vielfältige Natur in einigen der vielen honduranischen Nationalparks zu entdecken. Versteckte Buchten, Schnorcheln mit Schildkröten, echte Tukane, glasklares, blaues, warmes Meerwasser, Sonne, Palmen, weiße Traumstrände, Wasserfälle, Karibikmusik und meine eigene  Kokosnuss mit Strohhalm. Willkommen im Garten Eden! Während eines Bootstripps zurück zum Festland, zog der Kapitän einen erschöpften 35 kg Regenbogenfisch in den leuchtendsten Farben aus dem Wasser. So war das Abendbrot uns ganz ohne Köder oder Netz an die "Angel" gegangen. Einige Amerikaner kamen aber lieber dem Vorschlag des Reiseleiters nach, einige nahrhafte Termiten zu probieren um dem Fisch den letzten kulinarischen Pfiff zu geben. Nach einem Jahr Honduras war es nun fast Zeit nach Hause zurück zu fliegen, vorerst jedenfalls. Alles Gute und Schlechte war mir so ans Herz gewachsen, dass in den letzten Tagen die Tränen nur so flossen. Die Tatsache, dass meine Schule mich noch persönlich verabschiedete und mir die Nationalhymne sang, meine Klasse mir eine super Abschiedsfete machte, die gesamte Kirche kam, um mir den letzten Segen für die Reise zu geben und alle mit rotgeweinten Augen auf ein Widersehen hofften, machte alles nur noch endgültiger, so dass selbst meine allerletzte Pina Colada mich nicht beruhigen konnte. Als mein Bus dann ausnahmsweise weder kaputt war, noch zu spät kam, gab es tatsächlich kein Halten mehr.

Inzwischen bin ich froh, wieder bei meiner deutschen Familie zu sein, aber die Erfahrungen, waren sie nun gut oder schlecht, und all die Erinnerungen, die ich mit diesem Jahr verbinde, sind einzigartig. Vielen war es unverständlich, wie ich in ein so armes Land gehen konnte oder wie meine Eltern das auch noch unterstützen konnten, aber es war das Beste, was mir passieren konnte. Ok, es ist nicht immer ganz einfach, vor allem, wenn man sich ernsthaft Sorgen  machen muss, ob man am nächsten Tag satt wird. Aber zählt nicht auch der große Rest?! So viel, wie ich in diesem Jahr neben all dem Spanisch gelernt habe, wo sonst hätte ich es herbekommen? Aus Spanien vielleicht?

So, und für alle Empanada-freaks jetzt noch mal das Wunderrezept; Maismehl und Wasser (gut abschätzen) zu einem Teig zusammenkneten und mit Maggihühnerbrühe abschmecken...mhmmm Dann Pute oder Fleisch, Paprika, Zwiebeln, Knoblauch würfeln und in einer Pfanne mit Öl braten. Etwas abkühlen lassen. Nun aus dem Teig kleine Klöße formen und plattmachen, so dass man einen platten Kreisfladen vor sich hat. Hier haut man einen Teil der Füllung rein und schließt das Ganze dann wie man Teigtaschen eben schließt. Zum Schluss muss man es in der Pfanne mit Öl von beiden Seiten anbraten und dann ganz schnell essen. Die sind nämlich so lecker, die halten sich nicht lange...Viel Spaß!

- Anna Maria Poppe