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Heimweh nach meinem Ungarn

Jetzt war ich ein Jahr in Ungarn, und versuche all das, was ich in diesem Jahr gelernt und erfahren habe in einem Bericht zusammen zu fassen.

Natürlich kann ich nicht alles, was ich gelernt und erfahren habe in diesen Bericht hinein schreiben, da es so viel ist. So viel, wie man höchstwahrscheinlich nie wieder in leben lernt, über sich und über andere, aber ich versuche wenigstens eine Teil der Momente, Gefühle, Erfahrungen, die ich in diesem, wundervollen Jahr gemacht habe, schriftlich in Worte umzusetzen.

Als ich von AFS den Brief bekommen habe, Weihnachten 2002, dass ich nach Ungarn gehen würde bekam ich zuerst einen Schreck, da ich mir zuvor fest erhofft hatte nach Spanien zu gehen.......nach einigem Grübeln kam mir dann der Gedanke "warum eigentlich nicht?"

Bevor ich den Brief von AFS bekam hatte ich mich noch nie in irgendeiner Weise mit Ungarn beschäftigt, und das Einzige was ich von Ungarn wusste, war, dass Budapest die Hauptstadt ist, und die Menschen sehr gastfreundlich sein sollen..... von der Sprache hatte ich keine Idee wie sie klingt, oder inwiefern sie verschieden ist von anderen Sprachen, es gibt ja in Norddeutschland auch nicht wirklich viele Ungarn...all diese "Gründe" brachten mich dann zu der Überzeugung, dass Ungarn eigentlich gar keine schlechte Idee sei, und ich im Gegensatz zu Spanien, wo ja ständig sehr viele Menschen hinfahren, und dessen Sprache beinahe überall zu lernen möglich ist, in ein Land gehen würde, wo an sich nicht all zu viele Menschen hingehen, und von dessen Sprache ich noch nie gehört hatte.

Als ich im August angekommen bin, war meine Familie sehr nett, und wir haben uns sofort zusammen gesetzt um alle möglichen Probleme oder Schwierigkeiten sofort zu "besprechen", mein Gastvater spricht ein wenig Deutsch, so dass wir uns verständigen konnten...Damit ich sofort anfangen konnte Worte und Namen von Gegenständen zu lernen, haben meine Familie und ich Zettelchen gemacht, wo wir die Namen von Gegenständen aufgeschrieben haben, und dann auf die jeweiligen Gegenstände aufgeklebt haben, so habe ich meine ersten richtigen Worte auf Ungarisch gelernt.

Auch in der Schule wurde mir gut geholfen, und Anfang Dezember konnte ich mich dann schon mit Leuten auf der Straße unterhalten, Wegbeschreibungen für Touristen geben und so. Da ich in der ersten Zeit in Ungarn nicht selber reisen konnte, hatte ich erst einmal die Möglichkeit, die Stadt in der ich lebte und die Menschen, die in ihr lebten genau zu erforschen und zu beobachten, die Unterschiede zu Deutschland herauszufinden, Vor- und Nachteile...

Zum Beispiel sind im Sommer alle Menschen vollkommen anders im Winter: im Sommer sind alle freundlich und redselig, gut gelaunt, hilfsbereit und herzlich, wo immer du hinkommst, wenn du jemanden triffst wirst du mit Freuden empfangen und begrüßt. Hingegen im Winter werden auch die Menschen ein wenig kühler und weniger freundlich, sie gehen nicht mehr so viel aus dem Haus und verschließen sich selbst.

Ab Dezember bin ich dann an den Wochenenden mit meiner Familie oder Freunden öfter an verschiedene Orte gefahren, zum Beispiel des Öfteren zu Thermalbädern, oder in andere Städte zu anderen Austauschschülern, so dass ich auch Menschen in anderen Orten des Landes kennen lernen konnte.

Nach Weihnachten, wo einige der Austauschschüler unter Heimweh und  anderen Problemen litten, war dann Sylvester einer der Höhepunkte des Jahres: der Großteil der Austauschschüler ist gemeinsam nach Budapest gefahren, wo wir bei einer ungarischen Freundin (auch ehemalige Austauchschülerin), mitten in der Innenstadt gemeinsam ins neue Jahr gefeiert haben, ich glaube, dass keiner von uns Austauschschülern, die wir dort waren, jemals ein schöneres Sylvester gefeiert hat.

In der ersten Hälfte des Austauschjahres dachten wir häufig: "wir haben noch so viel Zeit, es dauert noch so lange, bis wir wieder von hier weg müssen, aber Sylvester war das dann alles vorbei, ab da fing die Zeit an zu rennen, jeder Monat wurde kürzer, und jede neue Minute verging doppelt so schnell wie die davor. In der Schule konnte ich sogar in den Fächern, die auf Ungarisch unterrichtet worden waren, teilweise mitarbeiten, und bei der Halbjahres-Tanz- und Dramaprüfung sollte ich auch mitmachen, und somit war auch das erste Schulhalbjahr vorüber....

Im Februar hatten wir unseren Familienwechsel, wo jeder Austauschschüler eine Woche lang in einem anderen Teil Ungarns in einer anderen Familie gelebt hat und zur Schule gegangen ist. Meine Familie für den Wochenaustausch lebte in Budapest, und sie war grundverschieden zu meiner anderen Familie: zwar hatte ich auch kleinere Geschwister, die genauso alt waren wie die meiner anderen Familie (9 und 11) aber ich hatte noch eine Schwester, die genauso alt war wie ich, was viele Sachen einfacher gemacht hat. Die Menschen im Westen Ungarns, vor allem in Budapest sind viel weltoffener, und ich hatte dadurch, dass auch meine Familie offen und neugierig auf mich war sehr viel Spaß mit ihnen, und wir haben viele interessante Sachen unternommen.

Im April hat AFS-Ungarn eine Fahrt nach Griechenland organisiert, und jeder der Austauschschüler der mit wollte, konnte mit. Wir sind mit ca. 30 Austauschschülern, unserer Programmleiterin und einem Reiseführer mit dem Bus über Serbien und Bulgarien nach Griechenland gefahren, wo wir ungefähr 8 Tage lang von einem Ort zum anderen gereist sind (Thessaloniki, Paralia, Athen, Delphi, Olympia, Olymp etc.)...

Als wir wieder in Budapest angekommen waren, waren wir alle sehr betroffen von dem Gedanken, dass wir uns alle nur noch ein einziges Mal alle gemeinsam treffen würden, und zwar auf dem Abschluss-Camp im Juni...

Aber bis Juni hatten wir ja noch ein bisschen Zeit, auch wenn diese immer weiter so schnell davon raste, und ich immer mehr dass Gefühl bekam nicht mehr weg zu wollen. Dann war aber irgendwann doch der Moment des Abschieds da!

Das war gar nicht einfach, und ich hätte am liebsten viel mehr Zeit gehabt, meinem neuen Leben, an das ich mich so gut gewöhnt hatte, auf Wiedersehen zu sagen. Und dann kam noch die große Frage: wie packe ich ein Jahr meines Lebens in einen Koffer, der nur 20 kg schwer sein durfte? Ich habe alles auf die letzten drei Tage aufgeschoben, um bis dahin jede einzelne der mir noch übrig gebliebenen Sekunden zu genießen. Den letzten Abend habe ich bis um ein Uhr nachts gepackt, um dann am nächsten Morgen festzustellen, dass 24 kg Übergewicht vielleicht doch ein bisschen viel waren (und ich hatte noch längst nicht alles eingepackt....), und somit noch einmal alles umpacken musste. Ich habe mich mit meiner Gastmutter darauf geeinigt, dass ich 26 kg in den Koffer, und dass gleiche noch mal als Handgepäck mitnehme, und alles andere würden sie mir mit der Post hinterher schicken, oder ich müsste schnell wieder hinfahren, um sie zu besuchen, und meine Sachen dann mitzunehmen.

Somit sind wir dann alle mit von Freude und Trauer schmerzendem Herzen losgefahren in Richtung Budapest/Flughafen...Dort wartete dann auch meine andere Gastfamilie, und ein großer Teil der anderen Austauschschüler, um uns Deutschen, die wir als erstes abfliegen mussten, auf Wiedersehen zu sagen.

Der Flug war viel zu kurz, und ehe wir uns versehen hatten, waren wir schon wieder in Deutschland, wo wir alle von neugierigen, staunenden, und teilweise verwirrten Eltern abgeholt wurden.

Jeder, der einmal für eine längere Zeit woanders gelebt hat, wird wissen, wie schwer es ist, sich wieder an den Ort, das Land zu gewöhnen, von dem man nun ein Jahr lang fern war, und es ist schwer, sich wieder in der alten Umgebung einzufinden, da keiner so wirklich mitbekommen hat und mitbekommen konnte, wie man sich verändert hat.

Noch immer kann ich nicht glauben, dass ein Jahr schon vorüber ist, und dass ich jetzt nicht mehr in Ungarn bin, das Heimweh, dass ich hatte, als ich in Ungarn war, habe ich jetzt nach Ungarn, und nach jedem, der dort ein Teil meines Lebens und meines Herzens geworden ist. Mit all seinen Höhen und Tiefen ist ein Austauschjahr das Allerschönste was einem passieren kann. Man hat nur selten die Möglichkeit, so viel über ein anderes Land, eine andere Kultur, andere Menschen, eine andere Sprache und vor allem auch über sich selbst zu lernen, wie in einem so einem Jahr. Und ich kann nur jedem aus tiefstem Herzen raten: geht ins Ausland, lernt andere Kulturen, Menschen, ein anderes Leben, und euch selbst kennen. Ihr findet neue Freunde, neue Familien, ein neues Zuhause, alles was ihr bereit seid, finden zu wollen.

- Anja E. Hubert

Impressionen auf der neuen Website des AFS Budapest körzets (Komitees): budapest.afs.hu