Katharina Teichmann, PPP-Stipendiatin in Huntington Beach, California (2004-2005)

Am 11. August gegen 4 Uhr morgens ging für mich die Reise vom Flughafen Hannover los. Angekommen in Frankfurt gab es erst einmal ein großes Wiedersehen, unter anderen mit meiner Freundin Vivien, die ich schon im Mai in Weimar bei der PPP-Vorbereitung kennen gelernt hatte, und deren Gastfamilie nur 25 min von meiner Gastmutter entfernt wohnt. Bei der AFS-Welcome-Orientation fanden Vivien und ich heraus, dass noch 2 weitere Stipendiaten des deutschen Bundestages mit in Orange County platziert waren.

Am nächsten Tag holte mich meine Gastmutter Barbara vom Einführungscamp ab - sie hatte in "unserem" neuen Zuhause eine große Willkommensfahne für mich vorbereitet und sie zeigte mir ausführlich Huntington Beach.

Glücklicherweise fängt an der Westküste der Vereinigten Staaten die Schule erst wieder nach "Labor Day", dem ersten Wochenende im September an, so dass ich von der Schuleerst einmal dreieinhalb Wochen "verschont" geblieben bin und genügend Zeit hatte, mich an die Zeitumstellung, Umgebung und natürlich auch neue Sprache zu gewöhnen. Indiesen Wochen habe ich mit meiner Gastmutter eine Menge unternommen: wir waren in Los Angeles, haben uns dort historische Gebäude angeschaut und den alten Hollywoodstadtteil besichtigt, waren in diversen Kunstausstellungen und zusammen mit den anderen Stipendiaten im Museum of Tolerance, in dem es eine Sonderausstellung zur Judenverfolgung in den 30ern und 40ern gab. Während wir Austauschschüler eher das Gefühl hatten, dass wir uns während des Geschichtsunterrichts in Deutschland sehr zeitintensiv mit dem Holocaust auseinandergesetzt haben, zeigte sich meine Gastmutter sehr erschüttert. Anschließend hatten wir interessante Gespräche darüber, wie die Nazizeit und der zweite Weltkrieg in Deutschland und in den USA z.B. im Unterricht oder in den Medien behandelt werden.

Am 7. September waren dann auch für mich die Ferien zu Ende, die ich davor in vollen Zügen genossen habe, nicht zuletzt wegen des Surf-Unterrichts durch eine ehemaligen AFS- Gastvater. Mit Französisch, Mathematik, Englisch, Model United Nations kombiniert mit fortgeschrittener amerikanischer Geschichte und Physik war mein Stundenplan bis auf ein Fach schnell belegt. Bei der Wahl des übrig gebliebenen Faches hatte ich eigentlich geplant, beim Schulorchester mit einzusteigen, aber nachdem ich gehört hatte, dass es an meiner Schule ein Crosscountry-Team gibt, hatte das Orchester keine Chance mehr. Von Anfang September bis November war ich im Crosscountryteam, hatte jeden Tag um die zweieinhalb Stunden Training und samstags morgens Wettkämpfe. Auch wenn das Training anspruchsvoll war, habe ich mich im Team immer sehr wohl gefühlt, und finde es schade, dass das deutsche Schulsystem nicht darauf ausgebaut ist, dass man dem Sport so viel Zeit neben der Schule einräumen kann. Für mich als "Neue" an der Huntington Beach High School bot sich durch den Sport eine gute Gelegenheit erste Kontakte zuschließen, da man in den Klassenräumen nicht so häufig die Gelegenheit hat, mit Mitschülern ins Gespräch zu kommen. Leider fiel es mir während des gesamten Jahres schwer mit amerikanischen Schülern außerhalb des Unterrichts und des Sports Kontakte zu knüpfen und daraus Freundschaften entstehen zu lassen. Zwar waren alle offen mir gegenüber, sind auf mich zugegangen, haben Fragen zu meiner Person, aber auch nach Unterschieden zwischen dem Leben in den USA und in Deutschland gestellt, doch es ist mir während des ganzen Jahres nicht gelungen, Freunde zu finden, mit denen ich mich mehr als einmal getroffen habe. Ich denke, dies könnte daran gelegen haben, dass es für mich von vorneherein den Nachteil gab, dass ich keine Gastgeschwister hatte, die mich mitnehmen oder mich ihren Freunde hätten vorstellen können; aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass meine Mitschüler eine andere Definition von Freundschaften hatten.

Obwohl sich meine Moral- und Wertvorstellungen während des letzten Jahres in den Vereinigten Staaten nicht verändert, sondern eher noch verstärkt und gefestigt haben, hat meine PPP-Botschafterrolle meine Weltanschauung und mich beeinflusst. Durch die vielen International Weekends an denen ich die Möglichkeit hatte, teilzunehmen, ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, diplomatisch und überlegt Fragen zu beantworten, wenn man nicht anderen vor den Kopf stoßen oder gar kränken will.

Im November hatte der amerikanische Kongress eine "International Week" veranstaltet und uns dazu gefragt, ob wir nicht Interesse daran haben, das PPP-Stipendium in unseren Highschools vorzustellen. Zu Beginn meiner Präsentation habe ich einen Vergleich zwischen Deutschland und Kalifornien gezogen. Anschließend habe ich berichtet, wie ich das Stipendium bekommen habe und Zeit gegeben für Fragen. Auf Anfrage meines Lehrers habe ich außerdem jeden Freitag 15 min Deutschunterricht in meinem MUN- Kurs gegeben.

Dieses Jahr hat nochmals mein Interesse an Diplomatie und internationalen und globalen politischen Zusammenhängen vergrößert. Ich habe sehr viel Glück gehabt, dass sich an  meiner Highschool die Möglichkeit geboten hat, MUN (Model United Nations) anzuwählen. Dies ist ein Planspiel der Weltorganisation UNO. Jeder Schüler muss viermal während eines Schuljahres an einer MUN- Konferenz teilzunehmen. Im Voraus bekommt man ein Land (z.B. Äthiopien) zugeteilt, für das man dann Abgeordnete ist. Als nächstes wird einem das Komitee (Internationaler Gerichtshof, Menschenrecht, Sicherheitsrat oder ähnliches) genannt und das Thema, zu dem man sich dann vorzubereiten und einen Aufsatz zu schreiben hat, immer aus der Sicht des jeweiligen Landes. Während der Konferenz hat jeder Delegierte die Aufgabe, Resolutionen zu dem jeweiligen Thema zu schreiben, wie es bei den wirklichen UNO- Konferenzen in New York auch geschieht. Auch wenn MUN kombiniert mit fortgeschrittener amerikanischen Geschichte eine Herausforderung für mich nicht nur sprachlich, sondern auch im Hinblick auf meine lückenhaften Vorkenntnissen der amerikanischen Geschichte dargestellt hat, habe ich diesen etwas anderen Geschichtsunterricht doch sehr genossen und denke, dass ich dort auch eine Menge gelernt habe und auch in Zukunft von profitieren werde.

Die Betreuung durch AFS während der letzten zweieinhalb Jahre empfand ich als überaus positiv. In besonders guter Erinnerung habe ich die PPP-Vorbereitungswoche in Weimar, aber auch die Wochenenden mit dem lokalen AFS Komitees, sodass ich mich bei meinem Abflug souverän vorbereitet gefühlt und mich auf die neue Herausforderung gefreut habe. Im ersten Halbjahr meines Austausches gab es Probleme mit meiner Ansprechperson, das sie die beste Freundin meiner Gastmutter war und ich mich dort nicht wohl gefühlt habe, Probleme meine Gastmutter betreffend anzusprechen. Aber die Kontaktperson hat sich dann im zweiten Teil meines Aufenthaltes von diesem Posten zurückgezogen und in der Zwischenzeit hatten sich die Differenzen auch so geklärt. Von da an lief mit der neuen Kontaktperson alles bestens. Des Weiteren möchte ich einen ehemaligen AFS- Gastvater erwähnen, der es mir ermöglicht hat, das Surfen zu erlernen und uns 16 Austauschschülern in Orange County, unvergessliche Reisen nach San Francisco und zum Grand Canyon ermöglicht hat. Besonders positiv fand ich den Kontakt zu dem Bundestagsabgeordneten Wilhelm Schmidt, der mich das ganze Jahr über gut begleitet hat.

Während meines Austauschjahres habe ich nicht nur viele verschiedene Orte in den USA besichtigt, wie z.B. San Francisco, Yosemite National Park, Las Vegas, New York, Grand Canyon und Boston, sondern auch eine Menge über die Leute heraus gefunden.

Dadurch, dass noch 16 weitere AFS Austauschschüler aus vielen verschiedenen Ländern bei mir in der näheren Umgebung gewohnt haben, kann ich von nun an sagen, dass ich Freunde überall in der Welt verstreut und nicht nur in Südkalifornien gefunden habe. Für mich ist die Welt näher zusammen gerückt. Mein Gefühl für Entfernungen ist ein ganz anderes als noch vor einem Jahr. Als uns im Dezember weltweit die gewaltigen Ausweitungen des Tsunamis in Südostasien erschüttert haben, lag ich mein Mitgefühl auch bei meiner AFS- Freundin Nan aus Thailand, die im Juni in ihr Heimatland zurückgekehrt ist, in dem es zumindest an den Küstenstreifen nicht mehr so aussehen wird wie zu ihrem Abflug im August.

Ich habe gelernt, dass gute internationale Beziehungen so wichtig für die Welt sind und dass man früh mit globaler Völkerverständigung anfangen muss. Ich möchte jedem ein Jahr im Ausland empfehlen, denn die Erfahrungen, die ein Mensch da macht, werden ihm ein Leben lang helfen, die Welt zum Positiven zu verändern. Deshalb gefällt mir das Motto von AFS auch so sehr: "Changing the world - One person at a time".